Ernst Widmer (1927 – 1990)

 

 Ernst Widmer verbrachte den grössten Teil seines künstlerischen Wirkens ebenfalls in „fremden Diensten“, jedoch - anders als im 18. Jahrhundert in einem feudalen Arbeitsverhältnis – als kultureller Entwicklungshelfer der Brasilianischen Musik, die den Anschluss an die Moderne suchte. Widmer kam 1956 neunundzwanzigjährig nach Salvador.

Als solider, etwas biederer Schüler Willy Burkhards und Lehrer an der Aarauer Kantonsschule hatte er mehrstimmige Sätze für den Schulchor geschrieben und sich mit Orgelstücken, neoklassizistischen Orchestersuiten und Klaviervariationen über „Im Aargäu sind zwöi Liebi“ schon da und dort einen Namen gemacht.

Mit dem intuitiven Gespür, das ihn künstlerisch lebenslang geleitet hat, ahnte Widmer jedoch schon früh, dass ihm als Komponist in der Schweiz bald einmal enge Grenzen gesetzt würden. Der „Landigeist“ von 1939, mit seiner fast an „Blut- und Bodenmentalität“ gründenden reflexartigen Ablehnung der neuen Musikideen, die ringsum aus den Trümmerlandschaften der Nachbarländer zu spriessen begannen, verschärfte die  typische „helvetische Malaise“ noch zusätzlich. Die Enge des aus seiner Trutzhaltung während des Zweiten Weltkriegs noch nicht richtig erwachten Kleinstaats, vertauschte Ernst Widmer mit dem offenen Horizont von Salvador da Bahia, der Stadt am Südatlantik. Ganz problemlos ging der kulturelle Wechsel für Widmer jedoch nicht vonstatten.

Dank einer festen und gesicherten Berufsperspektive an der neu gegründeten Universität von Bahia, lebte sich der jungen Komponist zwar schnell in die neuen Verhältnisse ein, doch kompositorisch scheint sich der Neuankömmling vorerst nach den gesicherten europäischen Verhältnissen zurück zu sehnen, den klassischen Formen und den stabilen mehrstimmigen Sätzen, wie er sie im Unterricht bei Willy Burkhard am Zürcher Konservatorium eingeübt hatte. Sein „Bahia Concerto“ von 1958, seine Orgelstücke und seine Vokalmusik der ersten Jahre gleichen eher einem soliden Schweizer Kulturexport als einer Erkundung des neu vorgefundenen Terrains.

Unter dem Einfluss des aus Deutschland emigrierten Komponisten Hans Joachim Koellreuter, wendete sich Widmer Anfang der sechziger Jahre der Reihentechnik zu. Doch schon vor dieser Erweiterung der konstruktiven Möglichkeiten entdeckte er die vitalen Farben, Rhythmen und Melodien der bahianischen Popularmusik. Sein erstes Stück, in dem er ihr hörbar Tribut zollt, ist das Divertimento III von 1961. Widmer nähert sich der unendlich reichhaltigen archaischen Volksmusik nicht in touristischer Weise, indem er sie koloristisch abschmeckt, sondern verarbeitet diese Einflüsse strukturell. Am eindrucksvollsten ist ihm dies vielleicht in seinen Orchesterwerken der achtziger Jahre gelungen, sowie im 6. Streichquartett „Recôncavo“ aus dem Jahre 1981. „Recôncavo“ heisst die grosse Region an der Allerheiligenbucht im Bundesstaat Bahia. In solchen Werken ist der ehemals schweizerische Neoklassizist längst zum Brasilianer geworden. In den technischen Verfahren und vielleicht noch mehr in der künstlerischen Haltung erweist sich Widmer hier als ferner brasilianischer Nachkomme Béla Bartòks, den er zu seinen grossen Vorbildern zählte. Nach eigenen Aussagen wandelte er sich, auf Grund der Distanz zu seiner eigenen Herkunft zu einem „Propheten des Relativismus“ und plädierte für ein „inklusives Komponieren“. Ein solches Bekenntnis zu einem Eklektizismus, zu einer „musica impura“ brasilianischen Zuschnitts, konnte nur in einem kulturellen Klima wie in Bahia erfolgen, wo die „Unreinheit“ jeder kulturellen Tradition Lebensvoraussetzung ist.

Die von Widmer gegründete Gruppe der „Compositores de Bahia“ bildete mit ihren Aktivitäten zeitweise das Gravitationszentrum für die brasilianische neue Musik. Widmer entwickelte sich immer mehr zu einer führenden Gestalt im bahianischen Musikleben, war Direktor der dortigen Musikhochschule und setzte sich vehement für die Verankerung der neuen Musik im Konzertleben und Unterricht ein. Doch das Paradoxon  prägte auch sein Leben; je stärker er in Brasilien Fuss fasste, desto grösser wurde seine Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Schweiz. Dem typischen Schicksal des Emigranten konnte er nicht entrinnen. In der alten Heimat war und ist er weitgehend vergessen, und wo man sich an ihn erinnert, wird er meist reduziert auf den Schullehrer aus der Kleinstadt. Die erstaunliche künstlerische Entwicklung die Widmer jenseits des Atlantiks gemacht hat, scheint hierzulande kaum jemand zu interessieren. Als er 1990 in seiner Geburtsstadt Aarau stirbt, würdigen ihn die brasilianischen Zeitungen als einer der grossen brasilianischen Komponisten der Gegenwart. In der Schweiz wurde sein Tod kaum beachtet. Anders als Luigi Boccherini, dessen starke Identität ihn auch nach „34 Jahren spanischer Immigration“ nicht seiner italienischen Seele beraubte, hat Ernst Widmer in seiner Ambivalenz zwischen seiner musikalischen Identität, die er in Brasilien gefunden hat, und seinem verklärten Schweizer Heimatgefühl nie zu einer klaren nationalen Identität gefunden. Diese innere Zerrissenheit verleiht seiner Biographie eine tragisch-beklemmende Komponente. TW  (Quellen: NZZ vom 17.5.2002 „Häutungen in Salvador da Bahia“ von Max Nyffeler).